DAS unterschätzte Potential

Um „Entschuldigung bitten“

Die Mutter holt ihre Tochter vom Sportverein ab. Im Auto erzählt Marie aufgebracht von einer Begebenheit, die sie am Nachmittag erlebt hat.
„Mensch, Mama. Da war heute bei uns im Training was los. Du kennst doch die Hannah aus der Wilhelmstraße. Die, die so super ist im Bodenturnen. Na jedenfalls hat die heute voll rum geschrien, nachdem Emma sie beim Aufwärmen getreten hat. Dabei war das echt aus Versehen.“ „Aha, und was ist dann passiert?“ „Unsere Trainerin hatte die Situation beobachtet. Die ist dann mit Hannah und Emma kurz auf die Bank gegangen. Dann haben die drei geredet.“ „Ja und?“ „Es ist echt der Hammer. Die Trainerin hat der Hannah wohl verklickert, wie wichtig es ist, ´Entschuldigungzu sagen. Das hab ich bei der Hannah noch nie erlebt. Die schreit ja öfters mal jemanden aus kleinem Grund an. Entschuldigen tut sie sich aber nie.“ „Und was denkst du nun zu Hannahs neuer Reaktion?“, hakt die Mutter nach. Marie denkt nach: „Ich glaub, das ist wichtig, sich entschuldigen zu können. Sonst bleibt irgendwie immer ne schlechte Stimmung. Und auch ne schlechte Beziehung. … Hm. Ich frag mich nur, wie es ist, wenn man erst mal erwachsen und im Beruf ist. … Wie machst denn du das denn, Mama? Ich mein, so als Frau und auch so als Chefin in der Firma?“

Die Mutter antwortet:
„Ich kenne sowohl als Frau als auch als Führungskraft auch Momente, Situationen,
in denen mir Worte unbedacht herausgerutscht sind, mir Handlungen unüberlegt geschehen sind und meine Reaktionen zu impulsiv gefolgt sind. Oft „passieren“ uns diese unkontrollierten Dinge, wenn Emotionen wie Ärger, gar Wut maßgeblich beteiligt sind.
Wir verletzten unser Gegenüber, einen Mitarbeiter, einen Kollegen, einen Lieferanten oder andere – ohne es zu wollen. Das Problem: ´Gesagt ist gesagt.´Getan ist getan. Das Vorkommnis als solches können wir nicht ungeschehen machen.“
Die Mutter hält einen Augenblick inne.
„Die Folge ist, dass eine Beziehung zwischen mir und meinem Gegenüber dann getrübt oder beschädigt ist. In jedem Fall ist sie nicht mehr so, wie sie einmal „vorher“ war. Distanz zwischen mir und meinem Gegenüber entsteht. ´Die Zeitlässt eventuell ´Gras über die Sache wachsen, doch ein negativer Aspekt brennt sich wie ´eine Wunde` in das Gedächtnis meines Gegenübers. Und das kann massive, negative Auswirkungen, Folgen für unsere Zusammenarbeit haben.“

„Welche denn, Mama?“

„Seine Enttäuschung, Verärgerung führt bei dem Mitarbeiter zu mangelnder Motivation, mangelndem Engagement, mangelhafter Loyalität, innerer Kündigung, realer Kündigung… Wenn ich nicht adäquat reagiere, bleibt die „Wunde“ offen.

Was tue ich nun?
Ich sage, respektive bitte um Ent-Schuld-igung! Ja – auch als Führungskraft! Gerade als Führungskraft! Denn ich habe als authentisches Vorbild eine enorme Wirkung im Unternehmen!

Was geschieht – hoffentlich?
In der Folge entscheidet sich mein Gegenüber, meine Bitte um Ent-Schuld-igung anzunehmen und zu akzeptieren. Ich werde also von meiner „Schuld“ entlastet, befreit.“

Die Tochter gibt zu bedenken:
„Ja, nur was sag ich denn in solch einer speziellen Situation? Ich glaub, ich hab da gar keine Worte.“

„Es ist in der Tat nicht so einfach, die für sich persönlich richtigen Worte zu finden. Ich habe mir im Laufe der Jahre so ein paar Formulierungen zurechtgelegt, die ich gut finde und auf die ich eventuell zurückgreifen könnte.
Das sind ein paar meiner Formulierungen:

Wichtig ist, dass jeder die Sätze formuliert, die individuell und persönlich zu ihm, seinem Gegenüber und der Situation passen:

  1. Mir tut es wirklich sehr leid.
  2. Ich kann Ihre Enttäuschung, Ihren Ärger nachvollziehen.
  3. Meine Reaktion war nicht gerechtfertigt.
  4. Mir ist bewusst, dass meine Reaktion falsch war.
  5. Ich würde das – wenn ich könnte – ungeschehen machen.
  6. Ich hoffe, Sie können mir verzeihen.
  7. Ich bemühe mich sehr, dass so etwas nie wieder geschieht.
  8. Ich bitte Sie um Entschuldigung, Verzeihung.
  9. Es tut mir sehr leid, dass ich Sie verletzt habe.
  10. Mir liegt sehr viel daran, dass Sie mir das verzeihen.
  11. Ich möchte Sie in aller Form um Entschuldigung bitten.“

Fazit:

Ehrlich gemeinte und persönlich formulierte und kommunizierte Worte wirken wie ein „heilendes Gel auf der Wunde“ unseres Gegenübers. Unsere Beziehung bekommt eine realistische neue Chance.
Und ganz wichtig:
Uns fällt beim um „Entschuldigung bitten“ „kein Zacken aus der Krone“.
Im Gegenteil:
Wir beweisen damit menschliche Größe, Führungskompetenz und Reife.
Und wir belegen damit die Wertschätzung für unser Gegenüber.

Veröffentlicht in: The Huffington Post